Heute schon „gesund“ gegessen?

Obst? Gemüse? Vollkornbrötchen? Oder fasten Sie gerade?

Wenn es ums Essen geht, gibt es in der westlichen Welt kein größeres Ideal als die gesunde Ernährung. In meiner Arbeit höre ich immer wieder, wie wichtig es zu sein scheint, sich „gesund“ zu ernähren.

 

Was heißt eigentlich „gesunde“ Ernährung?

Die Vorstellungen gehen so weit auseinander wie es Ernährungsformen gibt. Es wird nach ausgewogener, bekömmlicher, vitaminreicher und fettarmer Ernährung gestrebt, um möglichst hochleistungsbreit und fit durchs Leben zu gehen.

Nie zuvor wussten wir mehr über eine ausgewogene Ernährung wie heute. Und trotzdem essen wir manches, was uns nicht guttut. „Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach“.

Die Gelüste und Versuchungen sind tagtäglich zu groß, um den Angeboten im Überfluss, zu widerstehen.  

Besonders aufmerksam bin ich, wenn sich „Prominente“ als (Ernährungs)Experten ausgeben und damit Menschen bewusst beeinflussen.

Aktuell beschäftigt mich gerade ein Arzt, der als Doktor, Mediziner, Zauberkünstler, Kabarettist, Comedian und Schriftsteller unterwegs ist. Ich frage mich, in welcher Rolle er mit „seiner“ Diät unterwegs ist. Eigentlich passen fast alle Rollen, nur die des Mediziners nicht. In der Rolle des Arztes hat er meiner Meinung nach eine andere Verantwortung. Mich beschleicht die Idee, dass man mit einem bekannten Namen, besser, schneller und mehr „verkaufen“ kann. Geldgier? Nein, das mag ich nicht unterstellen.

In einem Interview von 2014 zum Thema Humor, Wissenschaft und Fernsehunterhaltung sagte er: „Wenn ich aber Herrschaftswissen der Medizin verbreite und brauchbar mache, ist das etwas zutiefst Aufklärerisches, das die Menschen wollen und brauchen.“ In der Kombination von wissenschaftlichen Inhalten und komödiantischer Darbietung erschuf er das „Medizinische Kabarett“ als neues Genre, bei dem er Wert auf die Themen Laienaufklärung und Gesundheitsförderung legt (Wikipedia).

 

Wo bleibt die Aufklärung über die Risiken seiner Diät? Intervallfasten ist genauso eine Diät wie jede andere und unterliegt diesen Gesetzen. Beende ich das Intervallfasten, werde ich wieder Gewicht zulegen und die Wahrscheinlichkeit, dass ich mehr Gewicht mit mir herumtrage als vor dem Intervallfasten, ist ziemlich hoch.

 

Welche Gesetze unterliegen Diäten?

Die Grundaussage im Diätsystem lautet: du bist nicht in Ordnung!

 

Das kennen viele Menschen und haben es von ihren Bezugspersonen oft gehört. Du bist zu faul, zu dick, zu groß, zu klein, zu laut, zu leise, zu blöd…

Im Diätsystem heißt das: du bist unattraktiv, du bist maßlos, du bist willensschwach und du bist selbst schuld. Was verbirgt sich dahinter?

 

Du bist unattraktiv: du entsprichst nicht dem europäischen Schönheitsideal (aber wer tut das schon?)

Du bist maßlos: maßlos im Essen, maßlos mit deinen Bedürfnissen. Du kannst dir ja noch
nicht mal eigene Grenzen setzen. Bist nicht diszipliniert und hast dich nicht im Griff.

Du bist willensschwach: wenn du einen starken Willen hättest, dann würdest du jetzt anders aussehen. Ein schwacher Mensch

Du bist selbst schuld: immer wieder gerne genommen, weil es uns beschämt, wir den Blick abwenden und dadurch keine Idee haben, wie wir etwas ändern können.

 

Als zweiten Bestandteil bietet das Diätsystem scheinbare Lösungen an, die lauten:

Kontrolliere dich! Halte dich an meine Regeln! Schalte deine Gefühle und Bedürfnisse ab! Ich sage dir, wann du Hunger hast und wann du satt bist.

Gib die Verantwortung an das Diätsystem ab, denke nicht, fühle nicht, treffe keine Entscheidungen. Ganz einfach.

Wie soll ich das machen, wenn ich nicht in Ordnung bin, schwach, maßlos und willensschwach? Ich kann nur scheitern. Nicht das Diätsystem scheitert, sondern der Anwender. Sollte ich zu den statistischen 3 % gehören, die schlank bleiben und es geschafft haben, wird das Gefühl „ich bin nicht in Ordnung“ dennoch gefestigt, schließlich war ich vor der Gewichtsabnahme nicht in Ordnung und bleibe es nur, wenn ich schlank bleibe.

Auch beim Intervallfasten steht das Prinzip der Kontrolle dahinter. 24 Stunden Kontrolle. 16 Stunden nicht essen. Sollte ich dennoch das Gefühl von körperlichem Hunger verspüren, ist es wichtig, dieses Grundbedürfnis zu ignorieren. Danach folgen 8 Stunden essen. Es kann leicht, aus dem Gefühl des Mangels oder zu kurz Kommens, dazu führen, dass ich über meine Sättigung hinaus esse. Oder kurz bevor die 8 Stunden verstrichen sind, fange ich an zu schlingen und für die nächsten 16 Fastenstunden auf Vorrat zu essen.

Dass das nicht der Sinn des Intervallfastens ist, ist mir bewusst. Aber ist es auch anderen Menschen bewusst, die sich nicht so intensiv mit der Thematik beschäftigen, sondern einem Mediziner, der mit Doktor-Titel auf die Bühne geht, vertrauen?

Meiner Meinung nach, trägt der Mediziner wenigstens in der Öffentlichkeit, seiner Zeitschrift und seiner App die Verantwortung darauf hinzuweisen, dass diese Methode für Menschen, die ein gestörtes Essverhalten (und wer hat das nicht?) oder eine Essstörung hatten bzw. haben, absolut nicht geeignet ist. Denn hinter jeder Essstörung steht das Thema der Kontrolle.

Wir vom Verein Esslust sind davon überzeugt, dass es in erster Linie darum geht, die Gefühle von Hunger und Sättigung wieder wahrzunehmen. Essen wir, wenn wir Hunger haben und hören wir auf, wenn wir satt sind? Eher selten. Wir snacken den ganzen Tag oder die Portionen sind viel zu groß. Die Lebensmittelindustrie versorgt uns mit Speisen, die durch den hohen Anteil an Fett, Zucker und Geschmacksstoffen den Appetit anheizen, so dass wir nur schwer auf das Sättigungsgefühl achten können. Außerdem haben wir gelernt, den Teller leer zu essen oder Lebensmittel nicht einfach wegzuwerfen.

 

Darüber hinaus gibt es viele Gründe, warum Menschen übergewichtig sind und die nicht damit gelöst sind, wenn sie weniger essen.

 

 

U. a. gehören dazu Traumatisierungen oder

·       Glaubenssätze aus der Kriegsgeneration, die heute immer noch aktuell sind,

·       mit Essen überwinde ich Ängste und Unsicherheiten,

·       Essen beruhigt mich

·       Essen benötige ich zur Abgrenzung, zur Sicherheit, als Schutz

Gefühle wie Langeweile, Wut, Depressionen sind nicht aushaltbar       

 

Diäten sind immer noch kein Allheilmittel und nach wie vor stehen sie an erster Stelle auf dem Weg in ein gestörtes Essverhalten oder in eine Essstörung.

Am Ende ist es vor allem wichtig, auf das eigene Bauchgefühl zu hören und herauszufinden, was für einen ganz persönlich passend ist.

Wir vom Verein Esslust e.V. machen uns dafür stark, dass jeder Mensch herausfindet, welche Ernährungsform zu einem passt. Wir bieten Seminare an, in denen es darum geht, herauszufinden, was unsere Essbedürfnisse steuert. Und wir vertreten die Auffassung, dass es gesunde Menschen in dünnen und dicken Körpern gibt.