Intervallfasten aus Sicht der Ernährungsberatung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Essen fast überall und fast immer verfügbar ist. Jeder muss hier seinen eigenen Weg finden, eine bekömmliche, wohltuende und gesundheitsförderliche Essweise zu entwickeln. Ernährungsexperten stehen dabei in großer Verantwortung.

Acht Stunden Essen, 16 Stunden nicht essen, ist ein Versuch, die täglich verzehrten Essmengen zu kontrollieren. Claudia Kapahnke-Blaase hat ausführlich beschrieben, dass wir häufig nicht unter zu wenig Kontrolle, sondern unter zu viel (von außen angestoßener) Esskontrolle leiden. Wo bleiben unsere seelischen und unsere körperlichen Bedürfnisse?

Eine Acht-Stunden-Regel blendet aus, dass es in unserer Gesellschaft nicht nur akademische Berufe gibt. Wer im Krankenhaus oder in der Autofabrikation um sechs Uhr seine Frühschicht beginnt, benötigt meistens ein kleines Frühstück vor der Arbeit, ein zweites Frühstück und ein Mittagessen auf der Arbeit und ein Abendessen. Eine Verkäuferin, die alleine in einer Bäckereifiliale eine Achtstundenschicht schiebt, hat keine geregelten Pausen. Ein Frühstück vor der Arbeit und eine Mahlzeit am Feierabend sind fast zwingend. Für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit Wechselschichten verringern sich die möglichen Zeitfenster zum Fasten noch stärker.

Meine Kunden in der Ernährungsberatung zeigen angesichts der allgegenwärtigen Empfehlungen zum Intervallfasten Verunsicherung, schlechtes Gewissen und auch das Gefühl des Abgehängtseins: „So wie es von den Zeiten gut sein soll, kann ich bei meinem Job nicht essen“. "Die Nachtschichten machen mich gesundheitlich fertig und dann kann ich noch nicht einmal im richtigen Rhythmus essen“. Ich erlebe, dass die aktuellen Empfehlungen zum Intervallfasten sozialen Frust schaffen! Ähnlich ausgrenzend ist übrigens eine Low-Carb-Ernährung, da diese Ernährungsweise nicht für jeden praktikabel und/oder finanzierbar ist.

Ich habe auch schon kranke Menschen beraten, die meinten, dass eine 16-stündige Nüchternphase Gesundheit bringen würde. Bei vielen Krankheitsbildern ist aber das Gegenteil der Fall. Menschen mit Verdauungsbeschwerden profitieren häufig von kleinen Mahlzeiten, die gut über den Tag verteilt sind. Das gleiche gilt für mangelernährte Patienten und für hochbetagte Menschen. Auch Menschen mit Essproblemen sollten auf längere Nüchternphasen verzichten. Das Gefühl von Hunger und Sättigung wird besser wahrgenommen, wenn die Mahlzeiten gleichmäßig über den Tag verteilt sind. Wie muss sich ein Mensch fühlen, der alles für seine angegriffene Gesundheit tun will (z.B. Intervallfasten), der dann aber feststellen muss, dass er eine andere Kostform benötigt? In der Beratung fühlen sich einige tatsächlich doppelt bestraft: „Jetzt bin ich schon krank, und muss auch noch auf das Intervallfasten verzichten“.

Wer Ernährungsempfehlungen aufstellt, sollte seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Öffentliche Empfehlungen müssen einen Handlungsrahmen formulieren, der den individuellen Befindlichkeiten einen ausreichenden Spielraum einräumt. Ein gutes Beispiel sind die 10 Regeln der DGE.

Jeder muss seinen ganz persönlichen Essstil entwickeln. Der Verein EssLust e.V. bietet Interessierten die Möglichkeit, ihren körperlichen und seelischen Essbedürfnissen, z.B. im Rahmen eines Seminars, auf die Spur zu kommen.

 

Annette Schwager, Ernährungsberaterin VDOE